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Die letzte Reise des blauen Drachen

eine Fligi-und-Drachi-Geschichte

Liebe vorlesende Erwachsene!

Diese Geschichte gibt es nicht in Gomos Vorleseecke zu hören, obwohl sie mir sehr am Herzen liegt.

Ich halte es für immens wichtig, dass für Kinder Tod und Sterben keine Tabuthemen sind. Kinder sollten jedoch von Erwachsenen bei der Annäherung an diese Themen begleitet werden. So können Fragen aufgefangen werden oder, wenn Kinder einen Trauerfall erleben, Geborgenheit und Trost gespendet werden. Deshalb biete ich diese Geschichte nicht zum Anhören, sondern nur zum Vorlesen an. 

„Wisst ihr, was heute für eine Nacht ist?“, fragte Opa Albikurt Fligi und Drachi eines Abends, als er ihnen Gute Nacht sagte.

„Ja, die Nacht der Ahnen“, erwiderte Fligi.

„In dieser Nacht denken wir an die Drachen, die gestorben sind“, fügte Drachi hinzu.

„Sie haben sich auf die Reise in das große Geheimnis gemacht“, erklärte Fligi.

„Wohin geht denn eigentlich ihre Reise?“, fragte Drachi.

„Das weiß niemand so genau, deshalb heißt es das große Geheimnis“, antwortete sein Opa, „aber es gibt eine Geschichte, die erzählt, wie ein alter Drache in das Geheimnis hinübergeht. Wollt ihr sie hören?“

Natürlich wollten sie.

Also erzählte Opa Albikurt: „Es war einmal und es war keinmal ein alter blauer Drache. Dies ist die Geschichte seines größten Abenteuers. Sie ist traurig, aber sie ist auch voller Schönheit. Denn das Leben hat nie nur eine Seite.

Der blaue Drache war unendlich müde. Er wusste, dass die anderen Drachen um ihn herum saßen, aber er war zu erschöpft, um sie anzusehen. Er lag auf einem Felsen und hatte seine Augen geschlossen. Er atmete mit einem tiefen Seufzen ein letztes Mal aus. Die anderen Drachen hoben ihre Köpfe und sandten ihre Drachenfeuer in den Nachthimmel hinauf. Sie wünschten ihm damit eine gute Reise. Sie  würden ihn sehr vermissen. Mit ihrem Feuer zeigten sie ihm, wie hell ihre Liebe für ihn in ihren Herzen brannte.

Der blaue Drache hörte das Zischen ihrer Feuer, aber es war, als seien sie ganz weit weg. Er öffnete seine Augen, die sich jetzt frisch und klar anfühlten. Er wunderte sich, dass er die anderen Drachen nicht sehen konnte. Er schaute in die Nacht und stellte fest, dass sie schöner war als alle anderen Nächte, die er je in seinem langen Leben gesehen hatte. Das Sternenlicht fiel vom Himmel herab und schwebte schimmernd in der Luft. Der Wind strich sanft über seine Drachenschuppen. Um ihn herum roch es nach Holz und Baumharz und Erde. Der Mond leuchtete silbrig am Himmel. Der Drache erhob sich und merkte dabei, dass seine Knochen nicht mehr weh taten und sich seine Gelenke so geschmeidig anfühlten wie seit vielen Jahren nicht mehr. Er sprang von dem Felsen, auf dem er gelegen hatte, herunter in den Wald. Es war sein Wald, der Wald, in dem er sein ganzes Leben verbracht hatte. Und doch war er jetzt anders. Der Drache kam zu einem Fluss, den er noch nie gesehen hatte. Dort stand eine Drachenfrau, deren Haut die Farbe des Mondes hatten.

‚Hallo‘, sagt sie zu ihm, ‚ich habe auf dich gewartet.‘

 Sie beugte sich vor und legte ihren Kopf an den des Drachens. Es fühlte sich an wie eine Begrüßung. Dem Drachen wurde in diesem Moment klar, was geschehen war. Er hatte die Reise angetreten, seine Reise in das große Geheimnis. Und die silberne Drachenfrau war die Hüterin derer, die sich auf dieses Abenteuer begaben. Sie führte sie auf ihrem Weg, gab ihnen zu essen, zeigte ihnen Rastplätze und führte sie zu den Quellen, aus denen sie auf ihrer Reise trinken konnten. Doch ihm wurde auch bewusst, dass er die anderen Drachen für eine lange Zeit nicht sehen würde. Und er hatte sich nicht von allen verabschieden können.

Die Hüterin konnte seine Gedanken spüren und sagte zu ihm: ‚Heute Nacht wird das Licht des Mondes dir helfen. Die Mondstrahlen, die er heute in die Welt schickt, können den Schleier zwischen denen auf der anderen Seite und uns hier, die wir durch das große Geheimnis reisen, durchdringen. Heute Nacht gehören sie dir. Du kannst sie mit deinen Gedanken in die Herzen all derjenigen schicken, die du zurückgelassen hast. Damit kannst du ihnen sagen, was zu sagen du vorher keine Gelegenheit mehr hattest.‘

Der Drache blickte hinauf zum Mond und er konnte die Strahlen sehen. Nach und nach schickte er sie an seine Drachen. Zuerst an seine Familie und an seine engsten Freunde. Dann auch an diejenigen, die vor langer Zeit weggezogen waren, die er lange nicht gesehen hatte und von denen er sich jetzt verabschieden wollte.

Alle Drachen, die, die noch immer auf dem Felsen beisammen saßen, aber auch diejenigen, die den blauen Drachen nur eine Zeit lang in seinem Leben begleitet hatten, spürten die Magie der Mondstrahlen, die er ihnen schickte. Sie spürten Frieden in ihren Herzen und erinnerten sich plötzlich an die besonderen Momente, die sie mit ihm geteilt hatten.

 Als der blaue Drache alle Mondstrahlen verschickt hatte, strich ihm die Hüterin zärtlich über den Kopf. Er blickte sie an und sie deutete mit der Hand auf den Fluss.

 ‚Er ist nicht tief, wir können zusammen hindurchwaten‘, sagte sie ruhig.

Gemeinsam durchquerten sie den Fluss. Als sie auf der anderen Seite aus dem Wasser kamen, dämmerte dort der Morgen. Vor ihnen lichteten sich die Bäume und dahinter erstreckte sich eine weite, grüne Ebene.

‚Komm‘, sagte sie, ‚dort hinter dem Horizont wirst du schon erwartet.‘

Voller Vertrauen machte der blaue Drache den ersten Schritt und begann, geleitet von der Hüterin, sein größtes Abenteuer.“

„Das war eine schöne Geschichte“, sagte Fligi, als er geendet hatte.

„Ja, und wisst ihr was?“, meinte Drachi, „ich finde es nicht schlimm, dass wir nicht wissen, was genau uns da erwartet. Die silberne Drachenfrau ist ja dort und begleitet uns.“

„Da hast du Recht, mein lieber Drachi“, sagte Opa Albikurt, deckte die beiden zu und gab ihnen einen Gute-Nacht-Kuss. Schon kurz darauf hörte er das leise Schnarchen der zwei Drachenkinder.

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